Casea GmbH Werk Ellrich, im Hintergrund der Gips-/Anhydrittagebau "Ellricher Klippen".
(BUND)
Es steht dem Unternehmen Casea nicht gut zu Gesicht zu sagen, es hätte bald keine Rohstoffe mehr, während gleichzeitig der Mutterkonzern Remondis sein Recyclingwerk in Zweibrücken schließt. Abbaufirmen für Naturgips werben mit dem Slogan „Gips ist zu hundert Prozent recycelbar“. Was bleibt außer einem Spruch, wenn die Firmen das Recycling nicht umsetzen oder sogar aufgeben– und dann meinen, Naturgips abbauen zu müssen?
Die aktuelle Normenkontrollklage der Firma geht noch einen Schritt weiter. Das Recycling wird beendet und die Firma meint, nun sogar auch in Schutzgebieten wie dem Naturpark Südharz Tagebau betreiben zu dürfen. Ein Naturpark ist aufgrund der besonderen Schönheit der Landschaft und ihres Erholungswertes geschützt. Ein Tagebau in einer schönen Landschaft mag Gipsfirmen freuen – aber Touristen, Anwohner und Natur werden dadurch erheblich beeinträchtigt. Es geht nicht um bloßen Naturschutz im Naturpark, es geht auch um Arbeitsplätze im Tourismus und ruhiges Wohnen für die Einheimischen und Erholung für alle. Das Argument der Firma, Arbeitsplätze gingen verloren, wenn kein neuer Tagebau kommt, ist daher mehrfach einseitig. 1. Es gehen auch Arbeitsplätze verloren, wenn der Tagebau kommt – im Tourismus und weil Menschen abwandern oder nicht mehr herziehen – das ist schon längst Realität. 2. Rohstoffe wie Naturgips wachsen nicht nach. Wer Naturgips nicht recycelt, dem geht der Rohstoff irgendwann aus. Dann sind auch die Arbeitsplätze in der Gipsindustrie weg. 3. Aber Gips löst sich nicht in Luft auf, ist nicht ess- oder brennbar – er landet auf der Deponie – jedenfalls die 90 % des deutschen Gipses, die in Baustoffe gehen. Über den kleinen Rest für andere Anwendungen muss man nicht reden. Der wäre nicht das Problem, wenn man zumindest den Baustoff Gips recyceln würde. Aber genau das beendet Caseas Mutterkonzern Remondis gerade jetzt.
Die aktuellen Geschehnisse zeigen vor allem eines: dass aufgrund der großen Flächenbevorratung anderer Gipskonkurrenten – im Südharz oder anderswo – Gipsprodukte aktuell nur vom Tresen gehen, wenn sie megabillig sind. Es ist kein Zufall, dass dieses Jahr nicht nur Remondis, sondern auch Knauf das Aus für ein nachhaltiges Vorzeigewerk verkündet, welches Naturgips zu neunzig Prozent durch technische Gipse ersetzt. Das niedersächsische Knauf-Werk in Embsen soll Ende des Jahres auslaufen. Es ist kein Zufall, dass dies geschieht just nachdem in Thüringen der neue, gerichtsfeste Rahmenbetriebsplan „Alter Stolberg“ mit 315 ha Naturgipsflächen und Laufzeit bis 2100 – an Knauf bewilligt wurde.
Naturgips scheint weiterhin die billigste Variante zu sein und das sollte alle nachdenklich machen: Politik, Gesellschaft, Firmen. Tagebaue in einer wunderschönen Landschaft, die nicht wieder herstellbar ist – und nun auch in Schutzgebieten? – Gipskarst mit seinen mannigfachen geologischen Formen kann nicht nachgebaut werden. Fortsetzung andauernder Lärmbelästigung durch Sprengungen, Hydraulikmeißel und Schwerlastverkehr in einst schönen Ortschaften im Südharz auf weitere Jahrzehnte? Und danach: keine Arbeitsplätze im Gips mehr, abgebaute Berge – wer will da noch hin?
Anstatt auf umweltfreundliche Baustoffproduktion aus Recycling und nachwachsenden Rohstoffen umzustellen, scheinen Firmen und Politik rückwärtsgewandt und ohne Plan. Dabei können Bauen, Baustoffe und Arbeitsplätze klimafreundlich, landschaftsverträglich und dauerhaft sein. Wie es geht, ist bekannt, praxiserprobt und kann auch billiger sein. Deutsche Umwelthilfe und Bildungswerkstatt für Nachhaltigkeit haben das aktuell in ihrem Projekt „Bauklima kommunal“ aufgezeigt und mit wissenschaftlicher und Praxisexpertise nachgewiesen. Damit Bewohner und Besucher im Südharz des Freistaates Thüringen nicht dasselbe Schicksal erleiden müssen wie die Südharzer in Niedersachsen – nämlich alle 10 Gehminuten in einen Steinbruch zu fallen – wäre es an der Zeit, Naturgips teurer und Kreislaufgips billiger zu machen, keine Tagebaue mehr zu bewilligen, Recyclinggipsanteile in Bauprodukten verpflichtend festzuschreiben, oder weiters. Es bleibt zu hoffen, dass zukunftsorientiertes umweltfreundliches Bauen mit wiederverwendeten und nachwachsenden Rohstoffen endlich den Weg in Kopf, Herz und Hand, in Willen und Praxisumsetzung findet, bei allen Akteuren auch bei Gipsern.